Seit gestern morgen bin ich stolzer Bluewin TV Anwender, darüber habe ich ja bereits berichtet. Heute möchte ich Euch einen ersten ausführlichen Erfahrungsbericht überreichen.

Bestellung/Installation

Einige Tage nach der Anmeldung erhält man per Post die Information über die bevorstehende Umstellung auf VDSL. Diese Technologie, eigentlich die Nachfolgetechnologie von ADSL, erlaubt deutlich höhere Datenübertragungsgeschwindigkeiten und ist die Grundlage für die erforderliche Datenmenge, welche für ein einwandfreies Fernsehbild benötigt wird. Gleichzeitig wird ein VDSL-WLAN-Router zugestellt, welchen man entweder selbst – war eine Sache von wenigen Minuten – oder später durch den Installateur einrichtet. Dummerweise erhielt ich den Router erst einen Tag nach der Umstellung. Daher war ich einen Tag lang ohne Internetzugang. Naja, so schlimm war’s auch wieder nicht. Ein Techniker kam dann pünktlich wie vereinbart zur Installation. In meinem Fall hatte er wenig zu tun, da ich bereits alles vorbereitet hatte. Er musste lediglich die Settop-Box anschliessen, warten bis alle Updates übertragen wurden und mir das Übergabeformular zum Unterzeichnen hinhalten. Schon zottelte er wieder ab und ich durfte mich mit dem Gerät auseinandersetzen. Der PC selbst ist nun via WLAN ans Internet angeschlossen, der benötigte WLAN-Adapter (USB) wurde ebenfalls mitgeliefert und die Installation war ein Kinderspielt. Insgesamt klappte alles vorzüglich, alle benötigten Kabel und Adapter wurden geliefert und wurden mit der Installationspauschale abgegolten.

Anmerkung: Der WLAN-Router und die Settop-Box müssen derzeit noch per Ethernet-Kabel miteinander verbunden sein. WLAN und Powerline-Anbindung seien derzeit noch in der Testphase.

Das Herz von Bluewin TV: DIe Settop-BoxSettop-Box

Die Hardware, welche das digitale Fernsehbild empfängt und an den TV, bzw. Beamer schickt, basiert technisch auf WindowsCE. Auch wenn Dir beim Begriff Microsoft die schlimmsten Gedanken kommen mögen, einen Absturz habe ich bislang nicht erlebt. Die Box verfügt über allerhand Anschlüsse, beginnend mit 2x SCART, Kompositausgängen, digitalem Audioausgang bis hin zu HDMI für späteres (hochauflösendes) HDTV, welches dann im Frühjahr folgen soll. Die Fernbedienung ist übersichtlich gestaltet und die Tasten überzeugen – ganz im Unterschied zu jener von TV300 – dank einem gut spürbaren Druckpunkt.

Benutzeroberfläche

Zappen: Die Zeitverzögerung zwischen Tastendruck und Kanalwechsel ist sehr gering, vielleicht gerade eine halbe Sekunde, also nicht mehr, als man dies von einem normalen 100Hz-Fernseher gewohnt ist. Über ein Bild-in-Bild-Zapping Mode zappt man durch die Kanäle und sieht in einem Vorschaubild, was in den Kanälen läuft. Leider ist die Qualität dieses kleinen Vorschaubildes ziemlich schlecht. Ausserdem ist es sehr bedauerlich, dass das Bild-in-Bild-Feature NUR zum Zappen konzipiert ist. Meine Erfahrungen mit guten Fernsehgeräten hat in mir die Erwartung geschürt, dass ich z.B. während einer Werbepause den Sender wechseln kann und in einem kleinen Bild beobachten kann, wann diese Werbepause endet. Hier hege ich die Hoffnung, dass mit einem späteren Softwareupdate dieses praktische Feature nachgerüstet wird.

Serienprogrammierung per KnopfdruckAufnehmen: Die Aufnahme einer Sendung ist sehr einfach und fast per Tastendruck zu erledigen. Nur bei den Serienaufnahmen muss ich bemängeln, dass keine persönlichen Standardwerte gespeichert werden können. So wird bei einer Serienaufnahme stets hinterlegt, dass “Jede Folge um xx:xx Uhr” und “auch Wiederholungen” aufgenommen werden sollen. Für meine Bedürfnisse würde ich allerdings lieber das Standardsetting “Alle Folgen” und “Keine Wiederholungen” sehen. So muss man jedesmal zusätzliche Schritte vornehmen, um die Settings anzupassen.

Elektronische Programmguide: Der integrierte Programmguide präsentiert die Programmdaten in zwei wählbaren Ansichten. Das Blättern erfolgt auf den ersten Blick bequem. Es fehlen jedoch Möglichkeiten, seitenweise durch die Sender zu scrollen. Bei über 100 Sendern dauert es nämlich ewig, Zeile für Zeile durchzuscrollen. Ok, da gibt es auch eine Favoritenansicht mit den persönlich wichtigsten Sendern, doch das ist eher ein unpraktischer Workaround. Ebenso sieht es beim Scrollen durch die Zeitachse aus. Es sollte möglich sein, z.B. direkt “20″ einzutippen und dann bei 20:00 Uhr zu landen. Im Unterschied zum TV300 fehlt dazu gänzlich ein Browsing nach Genres. Die Möglichkeit, z.B. nur Spielfilme zu überfliegen vermisse ich somit schmerzlich.

Update 16.11.2006: Mittels P+/P- Taste lässt sich tatsächlich seitenweise scrollen. Danke Anna@proxy.swisscom.com, welche mich darauf hingewiesen hat. Dies gilt auch im folgenden Abschnitt. Ausserdem verhielt sich die Box beim Scrollen heute deutlich flotter als gestern… mir scheint da serverseitig was verbessert worden zu sein.

Video on demand: Hunderte Filme aus der OnlinevideothekVideo on demand: Das Angebot der Filme ist mit rund 500 Filmen ansehnlich. Nebst alten “Schinken” (Fr. 3.50) sind auch aktuellere Filme (Fr. 6.00) verfügbar. Bei den meisten kann ein Trailer angeschaut werden. Super! Da brauche ich wohl so schnell nicht mehr zur Videothek zu springen. Doch auch hier ein Wermutstropfen in der Bedienung. So sind im Gerne “Comedy und Gefühle” ganze 168 Titel enthalten. Seitenweises Blättern sowie das direkte Anspringen eines Anfangbuchstabens bietet die Benutzeroberfläche nicht. So muss man stets von A beginnen zeilenweise durch die lange Liste durchblättern, was mich bereits nach wenigen Minuten sehr genervt hat. Schade eigentlich, denn die Fernbedienung ist bereits mit einer ABC-Tastenbeschriftung versehen, wie man es sich vom Handy gewohnt ist. Es ist also nur eine Frage der Software. Kann also vielleicht noch werden… ach ja, wenn ich grad beim Wünschen bin: Wie schön wäre ein Filter, um nur die aktuellen Titel aufzulisten. Als Cineast kennt man ja die alten Streifen meistens schon.

Filminformationen: Als herrliches Feature empfinde ich die angezeigten Informationen zu den Filmen. Nebst einer kurzen Inhaltsbeschreibung, Angaben über Regie, Jahr etc. sind auch die Hauptdarsteller aufgeführt. Per Knopfdruck lässt sich das aktuelle Fernsehprogramm nach weiteren Sendungen mit dem jeweiligen Darsteller durchsuchen und natürlich auch programmieren. Das ist wirklich schön gelöst!

Die Suchfunktion ist praktisch, nur mit der Eingabe happerts noch ein wenig ;-)Suchfunktion: Man sitzt vor dem TV und ich frage mich, ob bald wieder ein Film mit Angelina Jolie läuft. Kurz auf die Suchentaste gedrückt und mittels Pfeiltasten “Jolie” eingegeben und schon werden alle Sendungen mit diesem Begriff aufgelistet. Im Unterschied zur oben bemängelten Filmübersicht im Video-on-demand kann man hier den Suchbegriff auch “SMS”en… also wie beim Handy durch mehrmaliges Drücken der entsprechenden Ziffertaste buchstabieren. Ich wette, dass genau dieses Feature von den Bluewin-Leuten nie unter realistischen Bedingungen getestet wurde! :-) Es ist nahezu unmöglich, das richtige Timing zu treffen. Zu schnell drücken (a la Handy) führt zur absoluten Ignoranz, zu langsam drücken lässt den Cursor zur nächsten Stelle weiterrücken. Da dieses Timing von Buchstabe zu Buchstabe variiert (da nach jedem Buchstaben gleich eine Suchabfrage gestartet wird) lässt sich diese Form der Eingabe absolut nicht gebrauchen. Also nutze ich eben den Steuerkranz und hangle mich durch das Buchstabenfeld…

Teletext: Auch Teletext bietet diese Settop-Box, und wie! Nie wieder wird man die durchzählenden Seitennummern sehen. Unmittelbar nach der Eingabe der Seitennummer wird diese schon angezeigt. Genial. Doch bei Seitennummern wie “111″ (oder generell bei flinken Fingern) nervt man sich leider ob der Trägheit. Es scheint, als müsse man nach jeder Ziffer eine halbe Sekunde warten, da andernfalls die zweite Ziffer ignoriert wird. Bei der verwendeten Schrift dürfte sich Bluewin ebenfalls noch etwas einfallen lassen. Ist die generelle Benutzerführung brilliant lesbar und schön gestaltet, ist die Teletext-Schrift schrecklich, in die Breite gezogen und unangenehm lesbar. Vor allem bei der Nutzung eines Beamers wird sich die anfänglich grosse Freude schnell wieder einstellen.

Nett ist übrigens der Effekt, dass bei einer aufgezeichneten Sendung auch der Teletext mit aufgezeichnet wird. Man kann beim Abspielen der Aufzeichnung dann also gewissermassen in der Vergangenheit im Teletext stöbern. Ich vermute, dass damit somit auch die Teletext-Untertitel auch bei einer Aufzeichnung aktiviert werden können. Dies ist dürfte für Hörbehinderte bestimmt ein grosser Vorteil sein.

Update 16.11.2006: Heute habe ich meine Vermutung verifiziert. Es ist in der Tat so. Die Teletext-Untertitel werden tatsächlich mitaufgezeichnet und können somit beim Abspielen eingeblendet werden. Eine super Sache!

Programmierung via Web: Ich nutzte nun fast 1 1/2 Jahre Bluewin TV300 und war ob der Webprogrammierung regelrecht begeistert. Eine durchgängige Benutzerführung, sehr übersichtliche Darstellung und eine brilliant konzipierte Navigation. Als ich feststellte, dass bei BluewinTV ein anderes Webinterface genutzt werden MUSS, war ich gelinde gesagt enttäuscht. Der “TV Guide” – so nennt sich das neue Interface – ist aus Sicht des Anwenders eine Fehlkonstruktion. Die nutzbare Fläche ist künstlich in der Breite verkleinert. Auch bei einem grossen Bildschirm und Fullscreenbrowser wird nur ein kleiner Bereich zur Anzeige verwendet. Durch die Verwendung von Ebenen (sieht zwar fast wie IFRAMES aus) erscheinen Scrollbalken an den ungünstigsten Stellen, die Nutzung des Maus-Scrollrades ist nur eingeschränkt möglich. Praktische Schnellzugriffe auf Genres, Standardsuchen etc. existieren überhaupt nicht.

Bei TV300 liessen sich eigene Sendergruppen anlegen. Sehr praktisch, denn ich konnte so eine Gruppe für meine persönlichen Hauptsender, für Spartensender, für Regional-TV erc. anlegen. Im neuen TV-Guide kann ich lediglich eine vorgefertigte “Favoriten”-Gruppe abfüllen. Hierzu kann ich Sender aus den vorgegebenen Gruppen (z.B. “Deutsch A-H”, “Deutsch I-R”, etc.) in die Favoriten kopieren.

Doch noch schlimmer als die gedrängte Darstellung erachte ich die Serienprogrammierung via Web. Klicke ich auf eine Serie, dann auf die Serienprogrammierung, so wird mein Gerät angewiesen JEDE Folge inkl. ALLER Wiederholungen aufzuzeichnen. Um dann den Eintrag zu korrigieren muss ich per Fernbedienung direkt an der Settop-Box den Eintrag anpassen. Das sollte dringendst optimiert werden. Gemäss Auskunft der Hotline soll der TV-Guide aber bald optimiert werden. Es scheint also, dass sich Bluewin Kundenfeedbacks zu Herzen nimmt.
Zuguterletzt ist der TV Guide auch deutlich langsamer als TV300 und kann nicht bequem mittels kurzer URL (bei TV300 “www.tv300.bluewin.ch”) aufgerufen werden. (Oder habe ich das vielleicht einfach übersehen?)
Hier zwei Screenshots zur Illustration der Platznutzung, bzw. Verschwendung von “alt” (TV300) und “neu” (TV Guide):

TV300 Webinterface: Übersichtlich, extrem komfortabel.Der 'neue' TV Guide: Unübersichtlich wegen Gucklocheffekt, langsam und nicht direkt per kurzer URL aufzurufen.

Fernprogrammierung per Handy: Gemäss Werbung ohne Einschränkung, derzeit aber offensichtlich nur mit Swisscom Mobile möglich. Eine unnötige Einschränkung und ein Frust für die alten TV300 Hasen... Handy-Programmierung: Auch hier erwartete ich vom Vorgänger TV300, dass mir dieses Feature weiterhin zur Verfügung steht. Schliesslich ist’s nur eine WAP-Version des Webinterfaces. Doch meine Orange-Handynummer will das System partout nicht akzeptieren. Meine Anfrage beim Kundenservice diesbezüglich blieb bislang unbeantwortet. Als alter TV300-Hase frustet mich der (hoffentlich wohl nur temporäre) Verlust dieses Features.

Update 16.11.2006: Heute wurde ich vom (äusserst freundlichen) CustomerService zurückgerufen. Dabei wurde mir bestätigt, dass diese Einschränkung wohl ein Versehen sei und in den nächsten 2-3 Wochen behoben sei. Damit steht spätestens dann dieses Feature allen Handy-Anwendern offen.

Update 28.11.2006: Leider musste ich heute erfahren, dass die Programmierung via Handy vorläufig nur via Vodafone live – also nur mit Swisscom Mobile Abonnements – möglich sein wird. Klar, die Handy-Programmierung ist kein Killerkriterium, aber schade ists alleweil.

Senderauswahl

Dem Anwender stehen eine Unzahl von Sendern zur Auswahl. Leider ist “unser” Lokalsender Tele Ostschweiz entgegen der publizierten Senderliste derzeit noch nicht verfügbar (es erscheint stattdessen nur ein Testbild). Auch die beiden Schweizer Sender mit nationaler Konzession U1 und 3plus sind derzeit nicht verfügbar. Bei letzterem gibt es aber unterschiedliche Begründungen. Bluewin schreibt, dass zwischen 3+ und Cablecom ein Exklusivvertrag bestehe (und Cablecom dafür einen guten Senderplatz (ORF2) geopfert habe) und man derzeit in Verhandlungen stehe, um 3plus auchbei BluewinTV anbieten zu können. 3plus wiederum schreibt, dass Bluewin einen hohen Betrag für die Einspeisung verlange. Ich bin ja gespannt, was da stimmt.

Fazit

Das Gerät, Bild- und Ton, Senderangebot und das ganze Bestellprozedere überzeugt. Bei der Benutzerführung und vor allem bei der Fernprogrammierung via Web sind noch zahlreiche Dinge verbesserungswürdig.

Das “alte” Kabelfernsehen wünsche ich mir jedenfalls nicht zurück und ich gebe Bluewin TV bestimmt nicht mehr so schnell her! :-)

Und abschliessend ein persönlicher Wunsch: Wie schön wäre es gewesen, wenn ich bereits in der Testphase solche konkreten Inputs an das Projektteam liefern hätte können… ;-) Es geht doch nichts über ausführliche Tests.

Update 15.11.2006
In Peter Hogenkamps Medienlese findet sich ein spannender Artikel zur Preisgestaltung von BluewinTV und dem digitalen Angebot von Cablecom. Ich bin da absolut gleicher Meinung. Die Medien rechnen die Beträge grad so zusammen wie es ihnen ins Thema passt. Bei mir siehts wie folgt aus. Ich hatte bislang 25.- für KabelTV und 15.- für TV300 bezahlt. Neu kostet mich BluewinTV stattdessen Fr. 29.-. Somit spare ich Geld mit diesem neuen Angebot und kriege mehr Leistung als vorher.